Ein absoluter und unzweifelhafter Höhepunkt des Schlagersommers 2016: UNDINE LUX – Ihre CD „Pink“ im Test von Holger Stürenburg auf smago! vom 3.8.2016

Quelle: Holger Stürenburg, 03. August 2016
http://www.smago.de/d/artikel/76198/

Cover-Pink

Irgendwann hatte es UNDINE LUX, eine junge, sympathische Sängerin aus dem brandenburgischen Fürstenwalde einfach satt, stets auf ihre Rolle als – wenn auch herausragendes – „Helene-Fischer-Double“ reduziert zu werden. Natürlich brachte es der gelernten Erzieherin große Freude, immer wieder mit Liedern der Schlagerkönigin aus Krasnojarsk/Sibirien ebenso auftreten, wie mit Covertiteln von „ABBA“, Jennifer Lopez oder ihrem eigenen, großen Idol, US-Popsängerin Christina Aguilera.

Doch bereits 2014 plante die damals noch hellblonde Undine einen radikalen Kurswechsel. Nicht nur änderte sie ihre Haarpracht per Färbung von Helene-Blond in „Pretty in Pink“, sondern tat sie sich zugleich mit dem bekannten Liederschreiber und Produzenten Andre‘ Stade zusammen. Dieser hatte selbst mit „Jeanny, wach‘ auf“ (1996), „Baby Blue“ (2000), „Lena“ (2002) oder „Schenk Deinen Träumen wieder Flügel“ (2008) einige rentable Rundfunkhits landen können und trat nun als (überwiegender) Komponist und Co-Texter für Undines erstes Album hervor, welches da den Titel trägt „Pink“, und kürzlich bei dem Label ihres Managers und Mentors Mario Geyermann, „Pink Pearl Music“ (Vertrieb: NOVA), erschienen ist.

Der baumlange, 45jährige Dresdner und die zarte 28jährige Fürstenwalderin schienen lückenlos gut miteinander harmoniert zu haben, denn bei dieser kreativen Kooperation, zu der sich beizeiten auch das derzeit vielgefragte Nachwuchstalent Franziska Wiese (deren aktuelles Opus „Sinfonie der Träume“ ich dieser Tage an dieser Stelle ebenso vorstelle) hinzugesellte, kam tatsächlich ein musikalischer Leckerbissen sondergleichen heraus, angesiedelt im Spannungsfeld zwischen modernerem Schlager, klassischem Deutschpop und gehoben-intellektueller Chanson-Attitüde.

Die erste Singleauskoppelung aus „Pink“ nannte sich „November in Paris“ und erschien, wie der Titel schon sagt, im vorletzten Monat des Jahres 2015. Es handelt sich dabei um ein eindringliches, intensives, walzerähnliches, mit melancholisch in die Ferne schweifendem Akkordeon verfeinertes Chanson, monumental und erhaben arrangiert, in sachtestem Tempo gehalten. Es erzählt von einer reiferen Frau, die sich offenbar von ihrem Mann getrennt hat, nun schon länger alleine lebt und sich, gerade im betulichen Herbst, ein ums andere Jahr mit Wonne und Sehnsucht an eine heimliche Liebesaffäre erinnert, die sie einstmals in eben einem „November in Paris“ hatte erfühlen dürfen.

Single Numero Zwo wurde nahezu zeitgleich mit dem Album „Pink“ veröffentlicht: „Zeig wie Du tanzt“ ist eine hitzig-verständnisvolle, großstädtisch-heißblütige Nachtleben-Skizze, vorzüglich aufputschend und antreibend rhythmisiert, mit einem knisternd-erotischen, süffig-süffisanten Saxophon angereichert. Inhaltlich stellt dieser umgehend in Beine, Bauch und Kopf gehende Popohrwurm eine Aufforderung an eine einsame Frau dar, sich, egal, was sie zuvor womöglich Negatives im Alltag erlebt hatte, einfach nur frei und ungezwungen durch eine endlos scheinende Nacht durchzutanzen und hierbei ihre ureigene, ganz persönliche Magie auszustrahlen und zu entfalten.

Mit dem optimistischen, luftig-schwelgerisch umgesetzten Mid-Tempo-Schlagerchanson „Träume werden wahr“ startet, im Anschluss an ein rund eineinhalbminütiges, synthesizergeprägtes „Intro“, diese überaus gelungene Pop/Schlager/Chanson-Mixtur voller Würde, Vehemenz und Leuchtkraft. Gleichsam verheißungsvoll, überglücklich und Hals über Kopf verliebt, erklingt daraufhin der fraglos rockige-kraftvoll ausgestaltete Popschlager „Du bist meine Fantasie“, der ebenfalls – wie eigentlich geradezu alle Beiträge von „Pink“ – eine immense Singletauglichkeit in sich trägt.

Im konsequent zum Tanzen anregenden Pop-Schlager-Kontext halten sich gleichermaßen propere, kompakte Schmankerl der Sorte „Wie Piraten stark“ oder – wenn auch etwas gemächlicher – „Schneeweißchen und Rosenrot“ auf, Undines liebevoll verträumte, rückblickende Hommage an ihre Kindheit in den 90er Jahren, als sie viel mit ihrer Schwester unterwegs war und so einiges Freudiges erlebte.

Erneut extrem tanzbar, poppig-modisch inszeniert, aber inhaltlich eher trotzig und dennoch nach vorne schauend formuliert, vernehmen wir „Herz aus Eis“. Darin beweist das Lied-Ich seinem ehemaligen Freund, von dem es wohl stark enttäuscht wurde, dass dieser für die Protagonistin regelrecht erfroren ist und sie ihm gegenüber eigentlich nur noch über ein solches „Herz aus Eis“ verfüge.

In jenen Tagen, als die Künstlerin so sechs, sieben Jahre alt war, also im Sommer 1994, drang, oft beinahe stündlich, der seinerzeitige Dauerohrwurm „Mädchen“ des Berliner Popduos „Lucilectric“ um die heutige Schauspielerin und Autorin Luci van Org aus den Radios diesen, unseren Landes – kein Wunder, dass sich Klein-Undine damals, wie offenkundig die meisten ihrer Altersgenossinnen, in jenes so leicht-sprudelndes, wie kokett-freches ‚Ein-Hit-Wunder‘ schier verliebte, so dass die nun erwachsene Sängerin, gemeinsam mit einem 18köpfigen „Mädchen-Fanchor“, eine aufgepeppte, aber nicht unnötig modernisierte Neuaufnahme dieses realen Klassikers des (ansonsten ja meist extrem faden) Deutschpop der 90er Jahre für ihren CD-Erstling eingesungen hat.

Einen gänzlich anderen klanglichen Charakter weist das feudale, sehr amerikanisch produzierte, lyrisch äußerst feinsinnige (im Übrigen von Jens Radolff und Andreas Bärtels komponierte und von Mark Bender betextete) Edelchanson „Ein Mensch will ich sein“ auf – eine graziöse Mischung aus US-Softrock der ausgehenden 70er Jahre und feinstem, streicherverzierten Hochglanz-Schlager, die eine ganz andere Undine Lux an den Tag legt und somit unerbittlich dokumentiert, dass die junge Dame nicht nur im Popschlager-Umfeld stimmlich perfekt zu Hause ist, sondern sich darüber hinaus jederzeit in der Lage sieht, vornehmste, weitschweifende Balladen mit internationalem Anspruch phantastisch und geschmeidig zu intonieren.

Mit einem zerbrechlichen, sehr filigran ausgefallenen Abschiedsgruß an eine sich im Endstadium befindliche, nicht mehr zu errettende, große Liebe, der sich da nennt „Lass das Licht aus“ und von der Interpretin selbst, gemeinsam mit Franziska Wiese und ‚Mastermind‘ Andre‘ Stade, mit einem schier phänomenalen, so offenen, wie ehrlichen, unter die Haut gehenden Text versehen wurde, endet der ‚offizielle‘ Teil von „Pink“, bevor ein im Tempo angezogener, davon abgesehen aber nicht allzu rhythmisch-zeitgeistig ‚aufgemotzter‘ „PINK Deep House Mix“ von „November in Paris“ als Bonus-Titel zum Einsatz kommt.

„PINK“ ist tatsächlich ein enorm überzeugendes und nachhaltiges Debüt geworden, eine von vorn bis hinten authentische und hochqualitative Produktion, zu denen alle Beteiligten wahrlich ihr Bestes beitrugen. Andre‘ Stade beweist sich einmal wieder als grandioser Produzent und Songschreiber, Franziska Wiese macht als glanzvolle Lyrikerin von sich reden und selbstverständlich UNDINE LUX selbst präsentiert sich jederzeit als stimmstarke Chanteuse anspruchsvoller, deutscher Popkompositionen, die zwar durchaus zeitgemäß und aktuell ertönen, aber unisono die Freunde eher traditionellen Schlagers und Pops zu keinem Zeitpunkt vor den Kopf stoßen. Ein uneingeschränkt interessantes und vielseitiges Debüt, ohne jeglichen Durchhänger, dargereicht von einer jungen Sängerin, die weit, weit mehr drauf hat, als immer nur Lieder anderer Kollegen nachzusingen, weshalb wir von ihr auch in Futuro garantiert noch eine ganze Menge hören dürften!

Ein dickes Minus gibt es allerdings für die Gestaltung des CD-Beiheftes: Die, wie gesagt, durchwegs sehr ansprechenden und facettenreichen Texte wurden dort in einer derartigen Miniaturschrift – teilweise sogar matt Weiß auf sacht Pink – abgedruckt, dass ich sie nicht einmal mit Lesebrille UND 50-Euro-Lichtlupe entziffern konnte. Dies ist schade, wenn nicht gar nur als töricht zu bezeichnen, denn die Textreime sind nicht nur gesungen hörenswert, sondern auch spannend und interesseerweckend zum Nachlesen. Ansonsten aber ist und bleibt „PINK“ von UNDINE LUX ein absoluter und unzweifelhafter Höhepunkt des Schlagersommers 2016!